Wo ist denn nun die Stellenanzeige hin? – Wie Recruiting-Stopps die Beziehung zwischen Bewerbern und Unternehmen schädigen können

Im Zuge der Corona-Krise sahen sich viele Personalabteilungen mit drastischen Budgetkürzungen und veränderten Zielvorgaben konfrontiert. Folglich kam es zu Recruiting-Stopps, vakante Positionen waren plötzlich nicht mehr vakant und vereinzelt wurden gar alle in Zusammenhang mit der Personalbeschaffung stehenden Aktivitäten eingefroren.

Unsicherheit über die Weiterentwicklung der neuen Situation und mangelnde Kommunikation innerhalb von Unternehmen übertrugen sich auf den Umgang mit den Bewerber*innen, die infolgedessen häufig ratlos und verunsichert zurückblieben: Lohnt sich eine Bewerbung noch? Wird mein Bewerbungsverfahren fortgeführt? Kann ich meine neue Stelle wie geplant antreten? Fragen, die nicht nur zu Beginn der Krise häufig unbeantwortet blieben. Doch das Drosseln oder gar gänzliche Einstellen der Recruiting-Prozesse birgt einige unerwünschte Konsequenzen. 

Ein mögliches Szenario

Stellen Sie sich einmal das Folgende vor: Sie haben sich auf Ihre Traumstelle beworben. Ein Headhunter hat Sie angesprochen, Sie haben recherchiert, Ihre Unterlagen zusammengestellt, das Unternehmen auf Herz und Nieren geprüft – ein toller Arbeitgeber, Werte, mit denen Sie sich identifizieren können, die Sie in die Welt hinaustragen wollen, ein Utopia der Benefits und Weiterbildungsmöglichkeiten. Das Unternehmen schien auch Ihnen ein großes Interesse entgegenzubringen: Eine Einladung zum Telefoninterview, zum ersten Gespräch vor Ort und schließlich sogar zum finalen Interview! Sie warten darauf, dass man Ihnen einen Termin vorschlägt, träumen von Ihrem neuen Arbeitsplatz, da klingelt Ihr Handy. Man teilt Ihnen mit, dass man Sie zwar bereits zum letzten Schritt des Einstellungsverfahrens eingeladen habe, diese Einladung jedoch auf unbestimmte Zeit zurückziehen müsse – es sei unklar, wie sich diese „Corona-Sache“ entwickeln werde, man habe den Plan, die Stelle zu besetzen, nun erst einmal auf Eis gelegt und werde sich melden, sobald man mehr wisse. Wann das voraussichtlich sein werde? Unklar. Wie würden Sie reagieren? Enttäuscht? Verärgert? All die Mühe und Vorbereitung umsonst!

Das Kandidatenvertrauen bewahren 

Aus Umsatzeinbußen ergeben sich meist zwangsläufig Änderungen in der Personalplanung – da, wo vorher noch auf Hochtouren rekrutiert wurde, kann sich der Fokus in Krisenzeiten schlagartig auf Kosteneinsparung verlagern. Eine solche Situation ist für alle involvierten Parteien gleichermaßen frustrierend. Auf Unternehmensseite zählen dann vor allem ein bedachtes Abwägen des weiteren Vorgehens sowie unmissverständliche interne Kommunikation, die alle relevanten Stakeholder zuverlässig einbezieht. Wer einen kühlen Kopf behält, vermeidet überstürzte Entscheidungen, die zuvor monatelang Erarbeitetes schlagartig aushebeln können. Setzen Sie daher alles daran, die Beziehung zu Ihren Kandidat*innen zu pflegen. Erteilen Sie Auskunft über alle vorgenommenen Schritte und Entwicklungen, gestehen Sie Fehler und Unwissenheit ein, kurzum: Seien Sie transparent.

Sich als Krisenmanager hervortun 

Transparente Kommunikation ist unerlässlich, auch wenn transparent kommuniziert werden muss, dass schlichtweg nicht feststeht, was als Nächstes geschehen wird. Holen Sie die Bewerber*innen an Bord und lassen Sie sie teilhaben! Das Schüren falscher Hoffnungen und der Eindruck von Unglaubwürdigkeit führen im schlimmsten Fall dazu, dass sich geeignete Bewerber*innen, die Sie zuvor unter Aufwendung von Zeit und Geld rekrutiert haben, abwenden und Ihr Unternehmen als potentiellen Arbeitgeber ausschließen. Das zuvor mühsam durch Employer-Branding-Maßnahmen etablierte Arbeitgeber-Image durch unüberlegtes, überstürztes Handeln oder einen nachlässigen Umgang mit den Bewerber*innen zu gefährden, ist nicht zielführend, die Kosten für eine Wiederherstellung des Rufes möglicherweise um ein Vielfaches höher als die zur Vermeidung eines Recruiting-Stopps notwendigen. Vielmehr kann die sachgerechte Handhabung der momentanen Situation Unternehmen helfen, sich als kompetente und verlässliche Krisenmanager zu positionieren.

Nachteile im War for Talents durch Recruiting-Stopps 

Eine solche strategische Ausrichtung scheint vor allem im Hinblick auf den, wenn aktuell auch im Schatten der Krise stehenden, in vielen Branchen nach wie vor realen Mangel an qualifizierten Fachkräften unabdingbar. Obwohl die konkreten Folgen der Krise derzeit noch offen sind, steht eines fest: Es wird eine Zeit nach Corona geben und wer jetzt den Grundstein legt, wird größere Chancen haben, den Wettbewerb um gefragte Talente für sich zu entscheiden. Beispielhaft sei an dieser Stelle die IT-Branche aufgeführt: Laut dem Digitalverband Bitkom gab es im November 2019 124.000 offene Stellen für IT-Spezialisten und damit mehr als doppelt so viele als noch im Jahr 2017 (55.000). IT-Experten haben bei entsprechender Qualifikation somit zunehmend die Möglichkeit, ihre Stelle nahezu frei zu wählen. Für Unternehmen bedeutet dies ein ständiges Buhlen um die verfügbaren IT-Fachkräfte, das sich im Zuge der durch die Coronakrise neu beflügelten Digitalisierung von Prozessen tendenziell eher verstärken könnte.  

Diesen Gedanken sollten Personaler präsent halten und ihren Entscheidungen zugrunde legen. Die Gegebenheiten, mit denen Unternehmen sich momentan konfrontiert sehen, könnten daher positiv umgewandelt und zur Gewinnung umkämpften Fachpersonals genutzt werden, sodass sogar ein gestärktes Verlassen der Krise möglich scheint. Hastige Recruiting-Stopps begünstigen womöglich eher eine Handlungsunfähigkeit Ihres Unternehmens und werfen Sie im War for Talents weit zurück.

Junge Talente unterstützen 

Spinnt man diesen Gedanken weiter, landet man unweigerlich bei den eigentlich heiß begehrten High Potentials: Wie steht es um Hochschulabsolventen und Studierende im letzten Studienjahr? Dieser Frage ist die französische Recruiting-Plattform Jobteaser nachgegangen und hat nun die Ergebnisse ihrer branchen- und länderübergreifenden Online-Umfrage veröffentlicht, bei der 175 Universitäten und Hochschulen, 237 Unternehmen und 7041 Studierende im Zeitraum vom 01.-17.04.2020 zu ihrer Wahrnehmung der laufenden Krise befragt wurden. Hier äußerten 30% der Studierenden im letzten Studienjahr und 40% der Hochschulabsolventen, hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektiven, dass sie beunruhigt oder gar sehr beunruhigt sind. Ganze 37% der befragten jungen Talente gaben an, in Anbetracht der Krise ihre berufliche Orientierung zu überdenken und sich in diesem Bereich eine umfassendere Begleitung zu wünschen.  

Hier können Unternehmen ansetzen, indem sie (zukünftigen) Berufseinsteiger*innen unterstützend zur Seite stehen und diese für ihre Branchen begeistern. Interesse seitens der jungen Talente scheint zu bestehen: 48% gaben an, mehr Zeit für die Suche nach Berufsmöglichkeiten aufzuwenden, ganze 71% der Befragten wenden sich auf der Suche nach Jobangeboten an ihre Universität und ihr Career Center und 52% erwarten von ihrem Career Center mehr Ratschläge zur Orientierung. Die Unterstützung junger Talente bietet somit zahlreiche Gelegenheiten, von einer unsicheren Situation zu profitieren und das Arbeitgeber-Image positiv zu stärken.  

Kookus Tipp: Es ist verständlich, in dieser Zeit einige Ängste zu haben. Doch anstatt den – auf den ersten Blick vielleicht am naheliegendsten – Abteilungen das Budget zu kürzen und gar Recruiting-Stopps auszurufen, sollten Unternehmensleiter erst einmal tief durchatmen und überlegen, was nicht nur kurz-, sondern auch lang- und mittelfristig für ihr Unternehmen das Beste wäre. Denn auch wenn die Krise momentan viel fordert, braucht es im Anschluss so oder so gutes Personal, um sich als Unternehmen wieder zu erholen und stark auf dem Markt zu präsentieren. Warum also nicht die Situation nutzen, um sich bereits jetzt gut aufzustellen?  

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